Hintergrund

der Lebensmitteleinzelhandel und die Rolle der EDEKA Tochter Netto Marken-Discount

Im Einzelhandel in Deutschland sind in insgesamt 381.377 Unternehmen 2,7 Mio. Menschen beschäftigt. 73 Prozent der Beschäftigten sind Frauen. Nahezu 1 Mio. Menschen sind geringfügig beschäftigt. Seit Jahren stagnieren die Umsätze im Einzelhandel in der Bundesrepublik. Der Lebensmittelhandel ist der mit Abstand größte und gleichzeitig einer der am meisten umkämpften Bereiche im gesamten Einzelhandel. Nahrungs- und Genussmittel stellen mit 40 Prozent des Gesamtumsatzes im Einzelhandel den größten Konsumgüterbereich dar. Hier sind die Ausgaben zwischen 2000 und 2010 um 9,2 Prozent gestiegen. Knapp eine Mio. Beschäftigte haben 2010 160 Mrd. Euro umgesetzt.

Firma

Umsatz in Mrd. Euro

z. Vorjahr in %

Edeka-Gruppe

47,17

+4,1

Rewe-Gruppe

35,49

-5,3

Metro-Gruppe*

30,06**

-0,6

Schwarz-Gruppe

28,65**

+2,1

Aldi-Gruppe

24,70**

+1,2

Quelle: Trade Dimensions/Lebensmittel Zeitung, Stand März 2012, Edeka und Rewe incl. der Außenumsätze des angeschlossenen selbstständigen Einzelhandels

* Hier ist zu berücksichtigen, dass der Food-Anteil bei Metro nur rund 40 Prozent beträgt und der Konzern im engeren Food-Ranking mit 11,6 Mrd. Euro auf Platz fünf rangiert.

** Schätzungen von Trade Dimensions


Gleichzeitig befindet sich die Branche im Umbruch. Dem Niedergang ehemals wichtiger Marktteilnehmer, z.B. der Warenhäuser, steht der Aufstieg neuer Akteure, wie Discounter und Onlinehandel gegenüber. Mit der Aufhebung der Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge im Einzelhandel – vor 2000 wurden die Arbeitsverträge vom Arbeitsminister für allgemeinverbindlich erklärt und galten somit für alle, auch Betriebe, die nicht im Arbeitgeberverband vertreten waren - wurde eine Abwärtsspirale bei den Löhnen ausgelöst. Heute arbeiten nur noch rund die Hälfte aller im Einzelhandel Beschäftigten in tarifgebundenen Unternehmen.

Discounter

Discounter zeichnen sich im Gegensatz zu Vollsortiment-Supermärkten dadurch aus, dass sie ein schmaleres Warensortiment anbieten (in der Regel bis zu 2000 Artikeln), eine einfache Warenpräsentation und geringe Personalkosten haben. Die Discounter-Branche erlebte einen regelrechten Boom. Zwischen 2000 und 2010 verdoppelte sich die Verkaufsfläche der Discounter von 5,5 auf 10,5 Millionen Quadratmeter. Mittlerweile stagniert diese Teilbranche auf hohem Niveau: bei 42% des gesamten Umsatzes im Lebensmitteleinzelhandel. Größere Zuwächse sind nur noch auf Kosten von Verdrängung anderer Marktkonkurrenten realisierbar. Deutschland hat heute im europäischen Vergleich den höchsten Anteil von Discountern. Insgesamt zeichnet sich der Discountbereich durch eine immer stärkere Konzentration auf wenige Unternehmen aus. Namentlich waren Aldi und Lidl gefolgt von Penny bis 2010 die den Discountbereich beherrschenden Unternehmen. Netto ist nach der Übernahme des Konkurrenten Plus zum dritt-größten Discounter in Deutschland aufgestiegen.

Unternehmen

Umsatz in Mrd. Euro

Aldi Süd

13,7*

Aldi Nord

11,0*

Lidl

15,8*

Netto Marken-Discount

11,7

Penny

7,6

Norma

2,6*


Quelle: Trade Dimensions/Lebensmittel Zeitung, März 2012

* Schätzung

Preiskampf

Der Verdrängungswettbewerb wird unter den Discountern vor allem über den Preiskampf ausgetragen. Eine zentrale Stellschraube in diesem Preiskampf, der sich die Unternehmen bedienen sind die Personalkosten. Insbesondere mit der Aufhebung der Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge im Einzelhandel hat sich diese Tendenz verschärft. Von den Unternehmen werden durchschnittlich Personalkosten von 8% des Umsatzes angepeilt. Für die Beschäftigten bedeutet diese Strategie eine massive Verschlechterung und Prekarisierung der Arbeitsbedingungen. Der Angriff auf die Arbeitsbedingungen zielt dabei sowohl auf die unmittelbare Senkung der Personalkosten als auch eine Zersetzung kollektiver Handlungsmöglichkeiten. Es werden gezielt verschiedene Statusgruppen kreiert und Arbeitsschutzregelungen umgangen. Wichtige Instrumente sind hierfür die Ausweitung von geringfügiger Beschäftigung (GfB) (31% der Gesamtbelegschaft im Jahr 2008 im Einzelhandel)und Befristungen. Sowohl in den Lagern als auch in den Filialen werden zunehmend Leiharbeit und Werkverträge eingesetzt. Die KollegInnen mit relativ regulierten Arbeitsverhältnissen (Teil- oder Vollzeit, entfristet, tariflich entlohnt) geraten durch diese Entsicherung unter Druck, da ihnen nun firmenintern „billigere“ Arbeitskräfte gegenüber stehen. Reguläre Beschäftigung wird zum „Privileg“, das sich die KollegInnen erarbeiten sollen.

Selbst bei formaler Tarifbindung der großen Lebensmitteldiscounter, werden die Tarifstandards nicht eingehalten, bzw. unterlaufen. Viele KollegInnen berichten von sogenannten „Graue Stunden“ - also unbezahlte Überstunden bzw. unbezahlte Vor- und Nacharbeit. Geringfügig Beschäftigte werden gar nicht erst nach Tarif bezahlt. Häufig müssen sie ihren Lohn durch ergänzende Sozialleistungen aufstocken. Außer dem Unterlaufen der individuellen Ansprüche aus den Tarifverträgen, wird die Arbeit der Beschäftigten zunehmend verdichtet, indem das Personal pro Quadratmeter Verkaufsfläche reduziert wird. Diese Rahmenbedingungen machen es unmöglich die gesetzlichen Arbeitszeitregelungen einzuhalten.

Unternehmensstrukturen und Expansion von Netto

Im zur Edeka-Gruppe gehörenden Unternehmen Netto Marken-Discount arbeiten aktuell ca. 50.000 Beschäftigte in über 4000 Filialen deutschlandweit, die über 18 unternehmenseigenen Lager beliefert werden. Der Firmensitz ist in Ponholz/Bayern. Rund 6000 KollegInnen werden aktuell bei Netto überwiegend zur/zum Einzelhandelskaufrau/-mann ausgebildet.

Netto-Markendiscount ist bis 1990 ausschließlich ein regionaler Akteur in Bayern. Seit den 1990er Jahren expandiert Netto nach Mittel- und Ostdeutschland. 2005 kauft die EDEKA-Zentrale das Unternehmen und entwickelt aus dem Unternehmen eine eigene Discountersparte. Eine sprunghafte Expansion erlebt Netto-Markendiscount im Jahr 2009 mit der Übernahme von 2300 Plus-Filialen im gesamten Bundesgebiet. Netto hat jetzt ca. 4000 Filialen bundesweit. Mit Netto will Edeka auch am Geschäft im Discountersegment teilhaben Diese Strategie ist aber auch innerhalb der Edeka-Gruppe umstritten. So häufen sich (öffentliche) Klagen von Edeka-GenossenschafterInnen darüber, dass mit Netto-Markendiscount neben den üblichen Discountkonkurrenten nun auch ein besonders aggressiv agierender hauseigener Discounter Kundschaft und damit Umsatz streitig macht. Netto verfügt mit seinen ca. 4.000 Artikeln über ein doppelt so großes Sortiment wie die übrigen Discounter und wird einigen selbständigen Kaufläuten der Edeka besonders gefährlich.

Kritik an Arbeitsbedingungen bei Netto

Seit seiner Expansion im Jahr 2009 steht Netto öffentlich in der Kritik, wegen dem Unterlaufen von Tarifstandards und schlechter Arbeitsbedingungen in den Filialen (siehe Presseschau) Viele KollegInnen möchten diesen Zustand nicht mehr länger hin nehmen. Sie organisieren sich in ver.di und fordern einen respektvollen Umgang , sowie die Einhaltung der gesetzlichen und tariflichen Bestimmungen. Die Homepage dient der Vernetzung und Veröffentlichung dieser Aktivitäten.

Die Daten und Fakten zu diesem Artikel wurden im Wesentlichen entnommen aus: Jürgen Glaubitz: „Handel 2020 - Fakten, Trends, Potenziale - Eine Analyse zur Entwicklung im deutschen Einzelhandel“ Düsseldorf 2011

(C) 2012 Ver.di Niedersachsen/Bremen - Fachbereich Handelzuletzt aktualisiert: 21.04.2017